Die News des Tages: Schreiben muss keine Qual sein!
11. August 2026
Die News des Tages: Schreiben muss keine Qual sein!
11. August 2026Collien Fernandes beim Reporter:innenworkshop
Cordt Schnibben
Leiter Reporterfabrik
Guten Morgen aus Hamburg!
Erinnert ihr euch noch, was euch durch den Kopf ging, als ihr im März mitbekamt, was Collien Fernandes über ihren Mann Christian Ulmen verbreitete, den sympathischen, manchmal leicht trotteligen, oft souveränen Typen, der so leicht von einer Figur in die andere schlüpfen konnte? Der sollte seine Frau in ihrem Namen im Netz anderen Männern angeboten haben, mit gefälschten Nacktbildern und erfundenen, widerlichen Lügenstories? Und das Ganze ihr gegenüber gestanden haben?
Die Enthüllung sorgte wochenlang für erregte Debatten in den sozialen Medien und Demonstrationen in mehreren Städten. Die Story im „Spiegel“ war gut recherchiert, auch mehrere Anträge der Anwälte Ulmens konnten sie nicht erschüttern. Was allerdings nicht verhinderte, dass sie zur Hassfigur wurde für alle möglichen Randfiguren menschlicher Regungen. Die normale mitmenschliche Reaktion wäre: Mitgefühl mit dem Opfer, Wut auf den Täter, gemeinsames Engagement für Reformen, die digitale Gewalt erschweren.
Doch stattdessen vereinigen sich im Netz ganz unterschiedliche gesellschaftliche Lobbyisten gegen sie: Frauenhasser, Verschwörungsfreaks, Deepfake-Liebhaber, Porno-Konsumenten, sie alle sehen in ihr die Kämpferin gegen ihre Obsessionen. Befeuert wird ihr Hass immer wieder von Ulmens Versuchen, Collien Fernandes zum zweiten Mal zum Opfer zu machen, aktuell dadurch, dass er die gemeinsame Tochter instrumentalisiert. Statt sein Verhalten zu erklären und zu bedauern, vermittelt er durch Presseerklärungen seines Anwalts und lancierte Presseberichten den Eindruck, ihm geschehe Unrecht.
Die ganze Geschichte ist ein persönliches Drama, geht sie uns Journalisten und Journalistinnen was an? Ja, weil Collien stellvertretend das inzwischen weitverbreitete Drama von digitaler, sexueller Gewalt thematisiert. Ja, weil Journalisten in diesem Drama eine unangenehme Rolle spielen. Ulmen benutzt sie wie Schachfiguren, um mit Halbwahrheiten, Scheingefechten und der Taktik des überspezifischen Dementis immer wieder vom Kern der Vorwürfe gegen ihn abzulenken: Er hat seine Frau im Netz anderen Männern angeboten, mit gefälschten Nacktfotos - das wird wird von ihm und seinem Anwalt in ihren vielen Stellungnahmen und Gerichtsbegehren nicht bestritten. Warum hat er seine Schuld nicht längst öffentlich eingeräumt, sein Handeln erklärt und um Entschuldigung gebeten? Stattdessen agiert er lieber aus dem Verdeckten, verlängert und vertieft so das Leiden seiner Frau und seiner Tochter.
Dieses Vorgehen von Beschuldigten ist eine inzwischen weitverbreitete Praxis, sie zielt darauf ab, den eigentlichen Tatbestand hinter einem Nebel von Blendgranaten verschwinden zu lassen. Jörg Sadrozinski, langjähriger Leiter der Deutschen Journalistenschule, und Dominik Steiniger haben die bedrückende Karriere der Ulmen-Fernandes-News über Monate nachgezeichnet, haben sie in all ihren Mutationen durch Medien und sozialen Medien verfolgt. Sie werden ihre Fallstudie auf dem Reporter:innen-Forum am 25./26. September vorstellen und im Gespräch mit Collien Fernandes über ihre Sicht auf die Entwicklung seit dem Bericht im „Spiegel“ sprechen.
Schaut vorbei, hier geht es zum gesamten Programm des Forums!
Wie sollst du in der Masse der Workshops noch durchblicken, die Kurse finden, die dich wirklich interessieren? Haben wir uns gefragt und uns und dir eine neue Website geschenkt, mit einer sehr differenzierten Suchfunktion.
Die dritte Nachricht: der neue Workshop von Anna Mayr (ja, der zweihundertste) steht prototypisch für das, was wir seit neun Jahren predigen: Schreiben ist ein Vergnügen, Schreiben ist der rote Faden des Lebens! Die Zeit-Reporterin Anna Mayr zeigt an Beispielen, warum schreiben keine Qual sein muss (vierte gute Nachricht).
Warum quälen sich so viele Journalistinnen und Journalisten beim Schreiben? Merkwürdige Frage? Trotzdem sitzen viele vor dem leeren Dokument, hassen den ersten Satz, verwerfen den zweiten und landen irgendwann bei einem Einstieg, der klingt, als habe jemand im Redaktionsseminar „Ich hab’s“ gerufen.
Anna Mayr sieht das Problem weniger im Schreiben selbst. Sie meint: Zu viele Regeln, Erwartungen und Konventionen machen es schwerer, als es sein müsste. In ihrem Online-Workshop „Don’t cry, work! Warum Schreiben keine Qual sein muss“ zeigt sie, wie man die passende Form für das eigene Material findet und sich von falschem Ehrgeiz befreit.
Ausgangspunkt ist ihre Beobachtung: Journalistinnen und Journalisten versuchen oft zwanghaft, große Erzähler zu sein, und rufen gleich mit dem ersten Absatz nach der Literaturagentin, die ihnen einen Buchvertrag anbieten soll. Sehr beliebt der üppig gemalte szenische Einstieg; er kann funktionieren, wenn das Material Atmosphäre und Drama bietet. Oft aber steht am Anfang bloß eine Wohnung, ein Licht, eine Tasse Tee, ein Blick aus dem Fenster; danach beginnt der Text endlich.
Mayr zeigt das an eigenen Beispielen. Auf der Journalistenschule pitchte sie eine Geschichte über eine junge Frau, die Promi-Bilder aus Bügelperlen herstellt. Der Dozent fragte nach dem großen Handlungsstrang. Mayr versuchte, wie sie heute sagt, „das gesamte Leben dieser armen jungen Frau in diese Struktur zu quetschen“. Es funktionierte nicht. Der bessere Text hätte die Frau nicht durch eine künstliche Dramaturgie treiben müssen, er hätte sie verstehen müssen.
Auch typisch: Der Text beginnt szenisch am Wohnort der Protagonistin, nur passiert dort eigentlich nichts. Die besseren Einstiege liegen später: Absätze, die sofort klarmachten, wer diese Frau ist, was an ihr irritiert und warum man weiterlesen sollte. Der Workshop fragt deshalb: Welchen Anfang, welche Form braucht ein Stoff wirklich? Mayr schlägt einen einfachen Test vor: Wie würdest du deiner Mutter am Telefon von der Geschichte erzählen? Wahrscheinlich nicht mit einer kunstvoll ausgeleuchteten Anfangsszene. Wahrscheinlich würdest du direkt sagen, worum es geht, warum es interessant ist und warum du nicht aufhörst, darüber nachzudenken.
Leserinnen und Leser funktionieren nicht wie ein Kinopublikum. In einem guten Text muss der Kopf die Bilder selbst bauen. Wenn in zwanzig Sekunden Lesezeit sieben Perspektiven aufpoppen, überfordert man ihn. Anna Mayr sagt: Die Qual beim Schreiben entsteht, weil man zu viel nachdenkt: über Möglichkeiten, über die eigene Wirkung. Wie hört man damit auf? Entscheide dich für den Spaß. Vertrau deinem Material. Wenn dir selbst langweilig wird beim schreiben, ist dein Text langweilig.
Anna Mayr plädiert für weniger Regelgläubigkeit und mehr Intuition. Schreiben heißt entscheiden: Was trägt? Was kann weg? Was will ich wirklich erzählen? Wenn ein Fakt oder eine Szene sich nur mühsam unterbringen lässt, darf sie raus. Wenn dir selbst langweilig wird, ist es wahrscheinlich langweilig. Eine Erkenntnis, vor der ganze Redaktionen erstaunlich lange fliehen.
Hilfreich ist ein konkreter Adressat. Manchmal lässt sich ein Text leichter schreiben, wenn man ihn wie einen Brief an eine bestimmte Person denkt. Und Mayr liest vor dem Schreiben eigene Texte: um sich daran zu erinnern, dass sie schreiben kann, und um ihren eigenen Ton wiederzufinden.
Oder schau in einen unserer Workshops von Britta Stuff, Heike Faller, Ariel Hauptmeier, Henning Sußebach und von einem /einer der anderen über 350 Referentinnen und Referenten. Ja, sie sind jetzt schnell zu finden, schau es dir an auf reporterfabrik.org!
