
KI-Nutzung kennzeichnen?
28. Juli 2026
Was bringt mir dieser Newsletter? Gute Frage!
30. Juli 2026
KI-Nutzung kennzeichnen?
28. Juli 2026
Was bringt mir dieser Newsletter? Gute Frage!
30. Juli 2026Das KI-Dilemma

Cordt Schnibben
Leiter Reporterfabrik
Guten Morgen aus Hamburg!
Am Ende meines letzten Newsletters hatte ich euch gefragt: Wurde beim Schreiben des Newsletters künstliche Intelligenz eingesetzt? Eure Reaktionen zeugten von großer Unsicherheit, darum jetzt die Auflösung: Ja, zwei Abschnitte hat ChatGPT geschrieben, ich habe sie nur leicht redigiert.
Der eine Abschnitt beschrieb sinnigerweise die Diskussion darüber, ob Journalistinnen und Journalisten Texte kennzeichnen sollen, die von einer KI geschrieben wurden. In ChatGPT eingegeben habe ich Texte von Matthias Döpfner, Moritz Döbler, Benjamin Piel, die unterschiedliche Standpunkte zum Thema haben. ChatGPT hat daraus eine korrekte, gut lesbare Zusammenfassung komponiert.
Der zweite Abschnitt von ChatGPT war eine Zusammenfassung der von uns geschriebenen Downloads aus den Kapiteln unseres Workshops „Satire mit Substanz - wie du die bissigsten Pointen findest“ von Jana Fischer. Chat GPT hat daraus einen von mir mit großem Vergnügen redigierten Text gemacht, der begründet, warum jede künstliche Intelligenz in Sachen Humor, Ironie, Satire (fast) jeder menschlichen Intelligenz unterlegen ist. „Ironie ist für KI besonders tückisch. Ironie bedeutet, dass etwas gesagt und etwas anderes gemeint ist. Ironie lebt vom Verhältnis zwischen Sprecher, Publikum, Gegenstand und Situation,“ formulierte ChatGPT, räumte also ihre strukturelle Unterlegenheit ein. Künstliche Intelligenz erlebt nicht, wie Menschen reagieren, hat keinen Menschenverstand, keine Gefühle, keine Moral; kann nicht zweifeln und träumen. versteht nicht, was sie weiß.
Nun war das im letzten Newsletter ein Test, ich wollte herausfinden, ob ihr Maschinensprache von Menschensprache unterscheiden könnt. Sonst hätte ich natürlich kenntlich gemacht, welchen Blick die KI auf ihre eigene Beschränktheit hat. Anette Dowideit hat im täglichen Newsletter von Correctiv („Spotlight“) einen ähnlichen Versuch gestartet, jeden Tag erschienen zwei Texte, einer von ihr geschrieben, einer zum selben Thema von einer KI in ihrem Stil geschrieben. Die Leserinnen und Leser konnten jeden Tag abstimmen, an zwei von fünf Tagen hielt eine Mehrheit den KI-Text für Anettes Text.
All das führt zu einer großen Verunsicherung, KI geistert durch Redaktionen wie ein Gespenst. Was kann es, was will es, was treibt es, was ändert es, wo hat es sich eingeschlichen, wer schützt es? Das Gespenst verbreitet Angst und Hoffnung, weil die Journalistinnen und Journalisten noch nicht genau wissen, ob sie sich mehr ängstigen oder mehr hoffen sollen. In der Unsicherheit spiegelt sich die Angst davor, dass Journalisten dabei ertappt werden, ihre Texte mit KI geschrieben zu haben; davor, dass die KI-Tools Texte liefern, die so gut (oder besser) sind als die von Journalisten geschriebenen; davor, dass Journalisten am eigenen Handwerk zweifeln. Angst davor, dass KI die Recherchen und Texte von Journalisten nutzt und stiehlt, um journalistisch anmutende Texte zu veröffentlichen; davor, dass künstliche Intelligenz das Ökosystem des Journalismus ruiniert; davor, dass Journalisten ihren Job verlieren und klassische Medien in den Ruin getrieben werden.
Warum, fragt man sich, traut sich ein erfahrener Journalist und langjähriger Chefredakteur wie Stephan-Andreas Casdorff, seine Meinungstexte von einer KI schreiben zu lassen, die nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip Wort an Wort reiht? Offenbar hielt er, der in seinem Leben Tausende eigene und Zehntausende fremde Texte prüfen musste, die KI-Texte für so kreativ und stringent, dass er sich nicht schämen musste, sie unter seinem Namen zu veröffentlichen.
Warum, fragt man sich, traut sich ein Ministerpräsident wie Thüringens Mario Voigt, der FAZ Gastbeiträge zu liefern, die von einer KI generierten Passagen enthielten mit mutmaßlich halluzinierte Zitate? Und warum erkennen die erprobten, kritischen Redakteure der FAZ nicht, dass eine Maschine sich als Politiker ausgibt?
Warum, fragt man sich, stolpert ein Digitalexperte wie der kundige Minister Karsten Wildberger nicht über die von künstlicher Intelligenz geschriebenen Teile in seinen Reden und Gastbeiträgen, warum erkennen die Redakteure von FAS und Handelsblatt nicht, dass hier ein stochastischer Papagei schreibt?
Warum, fragt man sich, ist Katherina Reiche offenbar die nächste ertappte Ministerin, und warum wartet man nun auf die nächsten Politiker, Journalisten, Redaktionen, Medien, die am KI-Pranger stehen werden?
Die oberflächliche Antwort: Weil der Mensch geschliffene Sprache für den Ausdruck von Intelligenz hält. Die für viele Journalisten und Politiker angsteinflößende Antwort: Weil die hochentwickelte, von Menschen trainierte künstliche Intelligenz inzwischen in Sekunden Texte produziert, die sich auf den ersten Blick nicht mehr unterscheiden von Texten, die wir Menschen in quälenden Stunden, manchmal Tagen hervorbringen.
Wir stehen im KI-Dilemma, wir nutzen KI, ohne absehen zu können, wohin uns das führt. Wir haben im Moment mehr Fragen als Antworten, höchste Zeit, auf einige der Fragen Antworten zu finden. Darum steht das nächste Reporter:innenforum am 25./26.September beim Spiegel in Hamburg unter dem Motto: „So machst du dich unersetzlich - Journalismus in der KI-Ära“. Ich werde dort auch einen der 36 Workshops geben; im Zwiegespräch mit der Informatik-Professorin Alka Martens alle Fragen stellen, die ihr mir schickt, ihr könnt gern jetzt schon anfangen.
Das gesamte Programm wird am Montag hier (https://www.reporter-forum.de/) veröffentlicht, ich rate euch, euch möglichst schnell ein Ticket zu sichern!
Die Journalisten Kolja Haaf und Robert Hofmann zeigen, wie aus praktischen Themen gute Geschichten werden: Reportagen, Selbstversuche, Alltagsbeobachtungen und Texte, nach denen man nicht bloß etwas weiß, sondern etwas mitnehmen kann. Eine Entscheidung, eine Anleitung, eine Warnung. Oder die beruhigende Erkenntnis, dass man etwas lieber nicht selbst ausprobieren muss.
Kolja Haaf sagt über Robert Hofmann, er habe den Begriff der Nutzwertreportage „quasi erfunden“. Entscheidend ist die Idee dahinter: Eine Nutzwertreportage lässt Leserinnen und Leser nach der Lektüre denken: Das hat mit meinem Leben zu tun.
Nutzwert steckt in vielen Themen: Geld, Gesundheit, Reisen, Ernährung, Technik, Konsum, Familie, Alltag, Beruf, Politik. Die bessere Frage lautet nie nur: Was ist das Thema? Sie lautet: Warum sollte sich jemand dafür interessieren, der heute Abend noch einkaufen, Kinder ins Bett bringen, Rechnungen bezahlen oder seine Karriere retten muss?
Am Anfang stehen drei einfache Fragen: Was ist das Thema? Warum ist es spannend? Wie kommt diese Spannung in den Text? Ein Thema allein reicht nicht. „NFTs“ ist noch keine Geschichte. „Ich verkaufe meine Seele als NFT“ schon eher. Dann erfahren Leserinnen und Leser, wie so ein digitaler Verkauf funktioniert, ohne selbst die eigene Seele in die Kryptowelt werfen zu müssen. Auch das ist Service. Eine gute Nutzwertreportage arbeitet oft stellvertretend. Die Autorin oder der Autor macht etwas, das viele interessiert, aber wenige selbst ausprobieren wollen: Fallschirm springen, hundert Kilometer laufen, klassische Musik verstehen lernen, Coding als Berufswechsel testen, Töpfern anfangen. Die Leser bekommen Erfahrung aus zweiter Hand; bequemer wird Journalismus selten.
Die Ich-Form ist dabei kein Trick, um einen Text automatisch nahbarer zu machen. Wer „ich“ schreibt, braucht einen Grund. Eine Ich-Reportage funktioniert, wenn sich an der Autorin oder am Autor etwas zeigen lässt: ein Zweifel, ein Versuch, eine Entwicklung, ein Scheitern. Sie ersetzt Recherche nicht, sie macht zusätzliche Arbeit. Im Workshop geht es deshalb auch um Dramaturgie. Robert Hofmann sagt: „Der Mensch kann Informationen besser aufnehmen, wenn er sie als Geschichte konsumiert.“ Nutzwert muss nicht klingen wie eine Gebrauchsanweisung mit Zwischenüberschriften. Wer Fachbegriffe aneinanderreiht, verliert sein Publikum schneller als ein Newsletter mit dem Wort „Paradigmenwechsel“ im ersten Absatz.
Eine Nutzwertreportage braucht eine zweite Ebene. Wer über Coding schreibt, schreibt vielleicht auch über die Zukunft freier Arbeit. Wer über Mittagsschlaf in der Kita schreibt, erzählt von Familienrhythmen und dem kleinen Machtkampf zwischen Institution und Alltag. Wer über Wohnungssuche schreibt, liefert Service und zeigt nebenbei, wie absurd dieser Markt geworden ist. Humor hilft, am besten als Selbstironie. Wer sich selbst beim Scheitern beobachtet, schafft Nähe. Wer das Thema lächerlich macht, verspielt Vertrauen. Robert Hofmanns Regel ist schlicht: Mach Witze über dich selbst, aber nicht über das Thema.
Für freie Journalistinnen und Journalisten ist Nutzwert ökonomisch interessant. Solche Texte werden gelesen, geteilt, gespeichert, abonniert. Redaktionen mögen Themen, bei denen sich der Nutzen sofort erklären lässt. Hofmann beschreibt seinen Pitch-Ansatz so: Mir ist aufgefallen, dass etwas passiert. Ich finde, das steht für etwas Größeres. Deshalb würde ich etwas ausprobieren. Informationsebene, Meta-Ebene, Handlungsebene: Aus dieser Verbindung entsteht ein Text, der mehr kann als erklären. Er nimmt Leserinnen und Leser mit durch einen Versuch. Manchmal gelingt er, manchmal nicht. Auch Scheitern kann eine Geschichte sein, wenn man die eigene Eitelkeit lange genug aus dem Weg räumt.
Manche Nutzwertreportagen sind aufwendig: Tests, Selbstversuche, Expertengespräche, Studien, Recherche, Auswertung. Nicht jeder Text bringt sofort ein gutes Honorar im Verhältnis zur investierten Zeit. Manche lohnen sich, weil sie ein Profil schärfen und neue Aufträge ermöglichen. Nutzwert muss aber kein großes Magazinprojekt sein. Gerade im Lokalen und Tagesaktuellen liegen viele Themen direkt vor der Tür: Kita-Regeln, Wohnungssuche, Pendeln, steigende Preise, digitale Behördenwege, Pflege, Elternschaft, Alltagstechnik. Der Alltag ist voller kleiner Zumutungen. Journalismus kann daraus mehr machen als Beschwerdeprosa.
Ich hoffe, dieser Newsletter hat euch was gebracht. Wenn nicht, schaut euch den Workshop trotzdem an, er ist noch viel nützlicher als dieser Text.


