
Das KI-Dilemma
29. Juli 2026
Das KI-Dilemma
29. Juli 2026Was bringt mir dieser Newsletter? Gute Frage!

Cordt Schnibben
Leiter Reporterfabrik
Guten Morgen aus Hamburg!
Was bringt mir das? Diese Frage steht unausgesprochen über vielen journalistischen Texten, auch über diesem Newsletter. Leserinnen und Leser stellen sie nicht höflich, sie klicken einfach weg. Wer ihre Zeit will, muss ihnen etwas geben: Orientierung, Erfahrung, Wissen, einen Vorsprung. Der Nutzwert dieses Newsletters: knappe Information über einen neuen, wichtigen Online-Workshop der Reporterfabrik. Thema? Nutzwert im Journalismus.
Die Journalisten Kolja Haaf und Robert Hofmann zeigen, wie aus praktischen Themen gute Geschichten werden: Reportagen, Selbstversuche, Alltagsbeobachtungen und Texte, nach denen man nicht bloß etwas weiß, sondern etwas mitnehmen kann. Eine Entscheidung, eine Anleitung, eine Warnung. Oder die beruhigende Erkenntnis, dass man etwas lieber nicht selbst ausprobieren muss.
Kolja Haaf sagt über Robert Hofmann, er habe den Begriff der Nutzwertreportage „quasi erfunden“. Entscheidend ist die Idee dahinter: Eine Nutzwertreportage lässt Leserinnen und Leser nach der Lektüre denken: Das hat mit meinem Leben zu tun.
Nutzwert steckt in vielen Themen: Geld, Gesundheit, Reisen, Ernährung, Technik, Konsum, Familie, Alltag, Beruf, Politik. Die bessere Frage lautet nie nur: Was ist das Thema? Sie lautet: Warum sollte sich jemand dafür interessieren, der heute Abend noch einkaufen, Kinder ins Bett bringen, Rechnungen bezahlen oder seine Karriere retten muss?
Am Anfang stehen drei einfache Fragen: Was ist das Thema? Warum ist es spannend? Wie kommt diese Spannung in den Text? Ein Thema allein reicht nicht. „NFTs“ ist noch keine Geschichte. „Ich verkaufe meine Seele als NFT“ schon eher. Dann erfahren Leserinnen und Leser, wie so ein digitaler Verkauf funktioniert, ohne selbst die eigene Seele in die Kryptowelt werfen zu müssen. Auch das ist Service. Eine gute Nutzwertreportage arbeitet oft stellvertretend. Die Autorin oder der Autor macht etwas, das viele interessiert, aber wenige selbst ausprobieren wollen: Fallschirm springen, hundert Kilometer laufen, klassische Musik verstehen lernen, Coding als Berufswechsel testen, Töpfern anfangen. Die Leser bekommen Erfahrung aus zweiter Hand; bequemer wird Journalismus selten.
Die Ich-Form ist dabei kein Trick, um einen Text automatisch nahbarer zu machen. Wer „ich“ schreibt, braucht einen Grund. Eine Ich-Reportage funktioniert, wenn sich an der Autorin oder am Autor etwas zeigen lässt: ein Zweifel, ein Versuch, eine Entwicklung, ein Scheitern. Sie ersetzt Recherche nicht, sie macht zusätzliche Arbeit. Im Workshop geht es deshalb auch um Dramaturgie. Robert Hofmann sagt: „Der Mensch kann Informationen besser aufnehmen, wenn er sie als Geschichte konsumiert.“ Nutzwert muss nicht klingen wie eine Gebrauchsanweisung mit Zwischenüberschriften. Wer Fachbegriffe aneinanderreiht, verliert sein Publikum schneller als ein Newsletter mit dem Wort „Paradigmenwechsel“ im ersten Absatz.
Eine Nutzwertreportage braucht eine zweite Ebene. Wer über Coding schreibt, schreibt vielleicht auch über die Zukunft freier Arbeit. Wer über Mittagsschlaf in der Kita schreibt, erzählt von Familienrhythmen und dem kleinen Machtkampf zwischen Institution und Alltag. Wer über Wohnungssuche schreibt, liefert Service und zeigt nebenbei, wie absurd dieser Markt geworden ist. Humor hilft, am besten als Selbstironie. Wer sich selbst beim Scheitern beobachtet, schafft Nähe. Wer das Thema lächerlich macht, verspielt Vertrauen. Robert Hofmanns Regel ist schlicht: Mach Witze über dich selbst, aber nicht über das Thema.
Für freie Journalistinnen und Journalisten ist Nutzwert ökonomisch interessant. Solche Texte werden gelesen, geteilt, gespeichert, abonniert. Redaktionen mögen Themen, bei denen sich der Nutzen sofort erklären lässt. Hofmann beschreibt seinen Pitch-Ansatz so: Mir ist aufgefallen, dass etwas passiert. Ich finde, das steht für etwas Größeres. Deshalb würde ich etwas ausprobieren. Informationsebene, Meta-Ebene, Handlungsebene: Aus dieser Verbindung entsteht ein Text, der mehr kann als erklären. Er nimmt Leserinnen und Leser mit durch einen Versuch. Manchmal gelingt er, manchmal nicht. Auch Scheitern kann eine Geschichte sein, wenn man die eigene Eitelkeit lange genug aus dem Weg räumt.
Manche Nutzwertreportagen sind aufwendig: Tests, Selbstversuche, Expertengespräche, Studien, Recherche, Auswertung. Nicht jeder Text bringt sofort ein gutes Honorar im Verhältnis zur investierten Zeit. Manche lohnen sich, weil sie ein Profil schärfen und neue Aufträge ermöglichen. Nutzwert muss aber kein großes Magazinprojekt sein. Gerade im Lokalen und Tagesaktuellen liegen viele Themen direkt vor der Tür: Kita-Regeln, Wohnungssuche, Pendeln, steigende Preise, digitale Behördenwege, Pflege, Elternschaft, Alltagstechnik. Der Alltag ist voller kleiner Zumutungen. Journalismus kann daraus mehr machen als Beschwerdeprosa.
Ich hoffe, dieser Newsletter hat euch was gebracht. Wenn nicht, schaut euch den Workshop trotzdem an, er ist noch viel nützlicher als dieser Text.


