
Die drei schnellsten Wege, ein Gespräch zu ruinieren
1. August 2025
Das KI-Dilemma
29. Juli 2026
Die drei schnellsten Wege, ein Gespräch zu ruinieren
1. August 2025
Das KI-Dilemma
29. Juli 2026Was bringt mir dieser Newsletter? Gute Frage!

Cordt Schnibben
Leiter Reporterfabrik
Guten Morgen aus Hamburg!
Wo immer Journalistinnen und Journalisten in diesen Wochen beieinander sitzen, geht es um die Frage: Hilft uns Künstliche Intelligenz oder schadet sie dem Journalismus mehr? So auch in der letzten Woche bei der European Publishing Konferenz in Wien, bei der mir deutlich wurde, dass die lokalen Medien in KI so etwas wie den Heilsbringer sehen, während die überregionalen Medien fürchten, dass die durch KI perfektionierten Plattformen wie Google oder YouTube und KI-Tools wie ChatGPT oder Claude langfristig bei vielen Usern zur Frage führt: Warum soll ich eigentlich noch für Journalismus bezahlen, wenn KI mir komplexe Texte liefert, die Journalisten aus klassischen Medien zwar recherchiert und geschrieben haben, die von der KI aber neu sortiert und formuliert wurden?
Oder noch drastischer: Wenn Texte in klassischen Medien erscheinen, die von einer KI geschrieben wurden, muss dieser Text als KI-Text gekennzeichnet werden, ist das sonst nicht Betrug? Anlässe für diese Diskussion: Die FAZ hatte einen Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt aus dem Netz genommen, weil er offenbar KI-generierte Passagen enthielt und fehlerhafte, mutmaßlich halluzinierte Zitate. Der Tagesspiegel läßt seinen früheren Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff als Kommentator ruhen, nachdem bekannt wurde, dass mehrere Meinungstexte ganz oder weitgehend mithilfe von KI entstanden waren. Mathias Döpfner reagierte in der WELT mit einem bewusst von Gemini erzeugten Kommentar und machte daraus ein Transparent-Experiment. Verleger Dirk Ippen schlug eine Selbstverpflichtung zur Kennzeichnung vor. Der Presserat wiederum hält eine allgemeine KI- Kennzeichnungspflicht für Texte derzeit nicht für sinnvoll.
Die eine Position lautet: KI-Texte gehören nicht in den Journalismus, jedenfalls nicht unter menschlichem Namen. Für diese Haltung steht in der Debatte vor allem die FAZ. Ihr Argument ist klar: Wer einen Originalbeitrag veröffentlicht, soll auch einen Originalbeitrag liefern. Leserinnen und Leser wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben, Mensch oder Maschine.
Die Gegenposition sagt: Diese Empörung ist naiv. Texte von Politikern, Ministerien, Vorständen und Institutionen entstehen seit Jahrzehnten arbeitsteilig. Referenten schreiben vor, Pressestellen glätten, Ghostwriter formulieren. Niemand stellte früher bei jedem Gastbeitrag die Frage, welcher Satz wirklich vom Minister selbst kam. Entscheidend ist der Absender, läßt Döpfner schreiben; wer den Text autorisiert, trägt die Verantwortung. KI gehöre längst zum Arbeitsalltag moderner Organisationen, sie wird genutzt, um zu strukturieren, zu übersetzen, zu redigieren. Schreibwerkzeuge hätten immer mitgedacht: Textverarbeitung, Suchmaschine, Korrekturprogramm.
Zwischen diesen Lagern steht der Presserat. Sein Sprecher Moritz Döbler sagt: Der Pressekodex verlangt für Texte oder Textbausteine, die mithilfe von KI entstanden sind, keine Kennzeichnung. Entscheidend bleibt, ob die Redaktion ihre Pflichten erfüllt: Sorgfalt, Wahrheit, Verantwortung. Für Bilder und Videos gilt etwas anderes. KI-generierte Aufnahmen können leicht wie echte Dokumente wirken; deshalb müssen sie deutlich gekennzeichnet werden, ähnlich wie Symbolbilder.
Ab wann ist ein Text kennzeichnungspflichtig? Wenn KI eine Überschrift vorgeschlagen hat? Wenn sie einen Absatz geglättet hat? Wenn sie Gegenargumente geliefert hat? Wenn sie 38 Prozent beigesteuert hat? Döbler sagt im Kern: Nicht das Werkzeug ist das Problem, die Verantwortung zählt. Wenn ein Text falsche Zitate enthält, kann das ein Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht sein. Ob die Fehler von KI, einem Praktikanten, einer Referentin oder einem übermüdeten Autor stammen, macht den Fehler nicht besser. Am Ende müssen Menschen prüfen, freigeben und haften. Sein Einwand gegen Döpfners KI-Kommentar ist einfach: Wofür brauchen Leser dann noch einen Kommentar von Mathias Döpfner, wenn sie sich denselben Text selbst von einer KI schreiben lassen können?
Der interessanteste Beitrag in der Debatte kommt von Benjamin Piel, Chefredakteur des Weser-Kuriers. Er sucht den dritten Weg; nicht rigoroses Verbot, nicht totale Entgrenzung. Sein Begriffspaar ist nützlich: Dumm-Nutzung und Schlau-Nutzung.
Dumm-Nutzung heißt: Man lässt die KI die Arbeit erledigen, die man selbst leisten müsste. Im Journalismus wäre das der Ramsch-Prompt: „Schreib mal einen Kommentar gegen XY.“ Dann kommt ein formal glatter Text heraus, der vielleicht klingt wie Meinung, aber keine eigene Auseinandersetzung enthält. Schlau-Nutzung sieht anders aus. KI kann ein Sparringspartner sein. Sie kann Gegenargumente liefern, Schwächen in einer These zeigen, Redigatur leisten. Sie ersetzt nicht das Denken; sie fordert es heraus.
Daraus folgt eine einfache Regel für Redaktionen: KI als Werkzeug muss nicht jedes Mal ausgewiesen werden; KI als Ersatz für Autorschaft schon. Leserinnen und Leser wollen wissen: Spricht hier jemand aus Erfahrung, Recherche und Urteil? Oder lese ich eine plausible Simulation von Meinung? Denn genau hier liegt die Grenze der KI.
KI hat keinen Wahlabend erlebt, keine Familie in einem Kriegsgebiet interviewt, keine Quelle überzeugt. Sie kennt die Gegenwart aus Daten, Schnittstellen und Eingaben; sie erschließt sie nicht eigenständig. Besonders deutlich wird diese Grenze beim Humor, bei Satire und Ironie. Humor braucht Timing, Kenntnis des Publikums und ein Gespür dafür, wo eine Pointe trifft und wo sie bloß verletzt. Das zeigt der neue Workshop, der seit heute online ist. Die Referentin Jana Fischer, Autorin für Satire- und Comedyformate wie die „heute-show“, die „Carolin Kebekus Show“ und die „Kroymann-Show“, beschreibt Satire als Kritik an Missständen, die indirekt vermittelt wird: durch Humor, Ironie, Übertreibung. Satire enthält Aggression, Bewertung und Indirektheit. Genau daran zeigt sich, warum KI dem Menschen bei Humor, Satire und Ironie unterlegen ist.
KI kann Witze nach Mustern bauen. Sie kennt den dreistufigen Gagaufbau: zwei Elemente schaffen eine Erwartung, das dritte bricht sie. Sie kann Listen erzeugen, Gegensätze kombinieren, Wortspiele vorschlagen; sie kann also die Mechanik des Witzes imitieren. Aber Mechanik ist noch keine Komik. Wer „Goethe, Schiller, Mario Barth“ sagt, erzeugt einen Effekt, weil das Publikum die kulturelle Fallhöhe erkennt. Ohne geteilten Kontext bleibt nur eine Liste mit drei Namen.
Satire ist noch anspruchsvoller. Sie fragt immer: Gegen wen richtet sich der Witz? Trifft er Macht? Oder trifft er Menschen, die ohnehin weniger Schutz haben? „Satire tritt nicht nach unten“, sagt Jana Fischer. Satire müsse unterscheiden zwischen legitimer Zuspitzung und billigem Draufhauen, zwischen Kritik und Häme. KI kann statistisch ausgeben, dass Witze über Krankheiten, persönliche Schicksalsschläge oder Intimsphäre heikel sind. Sie kann warnen, dass Stereotype problematisch sein können. Aber sie hat kein moralisches Unbehagen.
Ironie ist für KI besonders tückisch. Ironie bedeutet, dass etwas gesagt und etwas anderes gemeint ist. Ironie lebt vom Verhältnis zwischen Sprecher, Publikum, Gegenstand und Situation. Sie braucht die Ahnung, wann ein Satz zu platt ist, wann er zu hart ist, wann er zu ungefährlich ist und wo er weh tun soll. Gute Satire entsteht selten aus der ersten Idee: Jana Fischer beschreibt die Arbeit daran als Verdichtung: „Was besonders mühsam ist, ist die Mischung aus düster und sehr oft gemacht, das ist echt knifflig“, sagt Jana Fischer.
Erst muss die Sache stimmen: Fakten, Zusammenhang, journalistische Grundlage. Danach kommt die Gag-Ebene. Jede Zeile wird geprüft: Ist sie wirklich lustig? Ist sie nötig? Kann sie zugleich informieren und komisch sein? Gibt es Füllsätze? Trägt der Satz? Trifft die Pointe? Stimmt die Richtung der Kritik? Der entscheidende Moment bleibt menschlich: auswählen, verwerfen, schärfen, verantworten.
Eine KI weiß nicht, wie viel Wirklichkeit ein Witz verträgt; sie hat keine Menschen gesehen, die unter dem Gegenstand des Witzes leiden. Das ist der tiefere Unterschied zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz. Satire lebt davon, dass jemand erkennt: Hier stimmt etwas nicht. Hier behauptet eine Macht etwas über sich, das mit der Realität nicht zusammenpasst.
Deshalb ist KI im Journalismus nützlich, aber gefährlich, wenn sie Autorenschaft ersetzt. Das gilt besonders für Meinung und Satire, sie muss wissen, wohin sie schlägt. Wenn KI als Werkzeug dient, um Fragen zu finden, Gegenpositionen zu testen, einen Text zu straffen, dann muss sie nicht bei jedem Handgriff ausgewiesen werden. Wenn KI die eigentliche Autorschaft übernimmt, muss das Publikum es erfahren. Und wenn ein Text von Humor, Ironie, Satire oder persönlicher Haltung lebt, sollte eine Redaktion besonders vorsichtig sein.
Auf der Wiener Konferenz wurde deutlich, dass künstliche Intelligenz inzwischen von vielen Seiten unter Beschuss genommen wird: Von Romantikern (der Mensch!), von Ökos (der Strom!), von Maschinenstürmern (die Arbeitsplätze!), von Medienethikern (das Vertrauen!), von Verlegern (unser Geschäftsmodell!), von Journalisten (unser Handwerk!), von der Gen Z (alles GenX-Quatsch!), von Informatikern (alle Sätze nur Wahrscheinlichkeitsvermutungen!)
Und wie sieht es bei euch aus, skeptisch, euphorisch, hin und her? Die wichtigste Frage: Wurde beim Schreiben dieses Newsletters künstliche Intelligenz eingesetzt?
Die Journalisten Kolja Haaf und Robert Hofmann zeigen, wie aus praktischen Themen gute Geschichten werden: Reportagen, Selbstversuche, Alltagsbeobachtungen und Texte, nach denen man nicht bloß etwas weiß, sondern etwas mitnehmen kann. Eine Entscheidung, eine Anleitung, eine Warnung. Oder die beruhigende Erkenntnis, dass man etwas lieber nicht selbst ausprobieren muss.
Kolja Haaf sagt über Robert Hofmann, er habe den Begriff der Nutzwertreportage „quasi erfunden“. Entscheidend ist die Idee dahinter: Eine Nutzwertreportage lässt Leserinnen und Leser nach der Lektüre denken: Das hat mit meinem Leben zu tun.
Nutzwert steckt in vielen Themen: Geld, Gesundheit, Reisen, Ernährung, Technik, Konsum, Familie, Alltag, Beruf, Politik. Die bessere Frage lautet nie nur: Was ist das Thema? Sie lautet: Warum sollte sich jemand dafür interessieren, der heute Abend noch einkaufen, Kinder ins Bett bringen, Rechnungen bezahlen oder seine Karriere retten muss?
Am Anfang stehen drei einfache Fragen: Was ist das Thema? Warum ist es spannend? Wie kommt diese Spannung in den Text? Ein Thema allein reicht nicht. „NFTs“ ist noch keine Geschichte. „Ich verkaufe meine Seele als NFT“ schon eher. Dann erfahren Leserinnen und Leser, wie so ein digitaler Verkauf funktioniert, ohne selbst die eigene Seele in die Kryptowelt werfen zu müssen. Auch das ist Service. Eine gute Nutzwertreportage arbeitet oft stellvertretend. Die Autorin oder der Autor macht etwas, das viele interessiert, aber wenige selbst ausprobieren wollen: Fallschirm springen, hundert Kilometer laufen, klassische Musik verstehen lernen, Coding als Berufswechsel testen, Töpfern anfangen. Die Leser bekommen Erfahrung aus zweiter Hand; bequemer wird Journalismus selten.
Die Ich-Form ist dabei kein Trick, um einen Text automatisch nahbarer zu machen. Wer „ich“ schreibt, braucht einen Grund. Eine Ich-Reportage funktioniert, wenn sich an der Autorin oder am Autor etwas zeigen lässt: ein Zweifel, ein Versuch, eine Entwicklung, ein Scheitern. Sie ersetzt Recherche nicht, sie macht zusätzliche Arbeit. Im Workshop geht es deshalb auch um Dramaturgie. Robert Hofmann sagt: „Der Mensch kann Informationen besser aufnehmen, wenn er sie als Geschichte konsumiert.“ Nutzwert muss nicht klingen wie eine Gebrauchsanweisung mit Zwischenüberschriften. Wer Fachbegriffe aneinanderreiht, verliert sein Publikum schneller als ein Newsletter mit dem Wort „Paradigmenwechsel“ im ersten Absatz.
Eine Nutzwertreportage braucht eine zweite Ebene. Wer über Coding schreibt, schreibt vielleicht auch über die Zukunft freier Arbeit. Wer über Mittagsschlaf in der Kita schreibt, erzählt von Familienrhythmen und dem kleinen Machtkampf zwischen Institution und Alltag. Wer über Wohnungssuche schreibt, liefert Service und zeigt nebenbei, wie absurd dieser Markt geworden ist. Humor hilft, am besten als Selbstironie. Wer sich selbst beim Scheitern beobachtet, schafft Nähe. Wer das Thema lächerlich macht, verspielt Vertrauen. Robert Hofmanns Regel ist schlicht: Mach Witze über dich selbst, aber nicht über das Thema.
Für freie Journalistinnen und Journalisten ist Nutzwert ökonomisch interessant. Solche Texte werden gelesen, geteilt, gespeichert, abonniert. Redaktionen mögen Themen, bei denen sich der Nutzen sofort erklären lässt. Hofmann beschreibt seinen Pitch-Ansatz so: Mir ist aufgefallen, dass etwas passiert. Ich finde, das steht für etwas Größeres. Deshalb würde ich etwas ausprobieren. Informationsebene, Meta-Ebene, Handlungsebene: Aus dieser Verbindung entsteht ein Text, der mehr kann als erklären. Er nimmt Leserinnen und Leser mit durch einen Versuch. Manchmal gelingt er, manchmal nicht. Auch Scheitern kann eine Geschichte sein, wenn man die eigene Eitelkeit lange genug aus dem Weg räumt.
Manche Nutzwertreportagen sind aufwendig: Tests, Selbstversuche, Expertengespräche, Studien, Recherche, Auswertung. Nicht jeder Text bringt sofort ein gutes Honorar im Verhältnis zur investierten Zeit. Manche lohnen sich, weil sie ein Profil schärfen und neue Aufträge ermöglichen. Nutzwert muss aber kein großes Magazinprojekt sein. Gerade im Lokalen und Tagesaktuellen liegen viele Themen direkt vor der Tür: Kita-Regeln, Wohnungssuche, Pendeln, steigende Preise, digitale Behördenwege, Pflege, Elternschaft, Alltagstechnik. Der Alltag ist voller kleiner Zumutungen. Journalismus kann daraus mehr machen als Beschwerdeprosa.
Ich hoffe, dieser Newsletter hat euch was gebracht. Wenn nicht, schaut euch den Workshop trotzdem an, er ist noch viel nützlicher als dieser Text.


